Last Updated on 16. Oktober 2026 by Roman Kellner
Alle wollen gehört werden. Aber wer hört dann eigentlich zu? Eine kurze Übung schult das Zuhören und erhöht die Chance, selbst gehört zu werden.
„Wer zuhören kann, erspart sich viele Worte.“
Ernst Ferstl
Eine unserer Übungen in Gesprächsworkshops beinhaltet folgende Aufgabe: A spricht jeweils eine Minute hintereinander über drei vorgegebene Themen. B steht A gegenüber und hört nur aufmerksam zu. Danach wird gewechselt. Dann fragen wir: „Wie war es, eine Minute nur zuzuhören?“ „Blöd!“, kommt dann, oder: „Schwer!“ Denn wir wollen einstimmen kontern, ja, vielleicht Tipps geben. „Ich muss doch etwas sagen!“, meinen die meisten. Dann fragen wir: „Und wie war es, eine Minute lang Raum zu bekommen und zu reden?“ Manche sagen: „Nicht leicht. Eine Minute ist ganz schön lang.“ Oft hören wir aber auch: „Es war richtig schön, so viel Raum und Ruhe zu bekommen.“
Zeit und Raum schenken
Wer eine Minute nur zuhört, schenkt dem Gegenüber Zeit – und eröffnet einen Raum. Einen Raum, in dem das, was in dieser Person gerade lebendig ist, sein darf. Kommen wir aber sofort mit unseren eigenen Erfahrungen, mit Tipps oder gar Widerspruch, schränken wir diesen Raum ein. Und für das Akustische gilt wie für das Physische: Wer sich eingeengt fühlt, wird sich freiboxen wollen.
Wenn wir, während der andere noch spricht, schon unsere eigene Erfahrung im Kopf haben und erzählen wollen oder währenddessen am Gegenargument arbeiten, sind wir nicht bei dieser Person, wir sind bei uns – und schenken damit keinen Raum.
Wer gehört wurde, hört auch eher zu
Interessanterweise haben viel mehr Menschen das Gefühl, nicht ausreichend gehört zu werden. Wenn sie aber bei uns diese Übung machen, halten sie plötzlich inne und bemerken: Eigentlich ist eine Minute nicht viel. Ich könnte sie locker verschenken und damit eine gute Basis für Kommunikation auf Augenhöhe schaffen. Und vielleicht wird man dann sogar selbst mehr gehört. Denn wer das Gefühl erlebt hat, gehört worden zu sein, ist leichter in der Lage, auch wieder zuzuhören.
Und so setzen Sie das im Alltag um:
- Achten Sie in einem Gespräch darauf, ob wirklich nur Sie nicht gehört werden – oder ob Sie Ihrem Gegenüber vielleicht auch keine volle Aufmerksamkeit schenken. Denn ein offenes Ohr bedeutet, sich für diese Zeitspanne tatsächlich auf die Realität des Gegenübers einzulassen.
- Hören Sie eine Minute lang – oder auch zwei – dem oder der anderen ganz bewusst, aufmerksam und mit zugewandter Körperhaltung zu.
- Wenn Sie danach selbst etwas sagen möchten, schließen Sie an das Gehörte an.
- Sollte es so nicht klappen, legen Sie offen: Machen Sie Ihren Gesprächspartner:innen einen Vorschlag: „Ich höre dir zu. Ich möchte verstehen, was dir wichtig ist. Bist du bereit, mir danach dieselbe Zeit zuzugestehen?“
Wenn Sie das ohne vorwurfsvollen Ton hinkriegen, sondern ernst meinen, kann sich die Gesprächsqualität eigentlich nur verbessern. Probieren Sie es aus!


