Last Updated on 16. Oktober 2026 by Roman Kellner
Erst verstehen, dann reagieren: Warum Zuhören auch bei Widerspruch wichtig ist.
„Wenn ich sage, ich habe ihn verstanden, glaubt der Wahnsinnige, ich bin seiner Meinung!“
„Wenn ich nicht sofort dagegenrede, denkt mein Gegenüber, ich glaube das!“
„Da muss man doch sofort widersprechen, das kann man nicht so stehen lassen!“
Dass Zuhören ein wichtiger Bestandteil konstruktiver Kommunikation ist, wird in der Theorie gern akzeptiert. In der Praxis jedoch, und das sehen wir in unseren Workshops immer dann, wenn es ans konkrete Üben geht, kommen die Einwände – siehe oben.
Hartnäckig hält sich die Meinung – und das hat das Verstehen leider in Verruf gebracht –, dass Verstehen mit Einverstandensein gleichzusetzen wäre. Das ist es aber ganz und gar nicht.
Packen wir den Begriff „verstehen“ einmal an der Wurzel. Er kommt vom althochdeutschen „farstān“ und bedeutet wörtlich „davorstehen“. Schon im Althochdeutschen hatte das Wort dabei die Bedeutung von „durchschauen“. Vor einem Objekt stehenzubleiben schuf genau die Distanz, um etwas in seinem Aussehen, seiner Struktur oder seinem Wesen zu erfassen. Wer vor etwas steht und sich damit befasst, wird jedoch nicht eins damit. Das nämlich wäre beim Einverständnis der Fall. Und das ist etwas ganz anderes.
Wer also die Position des anderen versucht zu verstehen, befürwortet sie nicht, er gibt seine eigene dabei auch nicht auf. Im Gegenteil, er hat natürlich einen Standpunkt.
Diesen zu vertreten, ist auch guten Zuhörer:innen nicht untersagt. Die Frage ist nur: Wann ist es sinnvoll? Und was ist das Ziel des Gesprächs?
Selbst wenn das Ziel ist, sich von der anderen Person möglichst abzugrenzen, kann es sinnvoll sein, nicht sofort dagegenzureden. Fühlt sich mein Gegenüber gehört und verstanden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie meine Meinung zumindest akzeptiert.
Eine gemeinsame Basis finden, um einen Konflikt möglichst konstruktiv auszutragen
Nehmen wir zwei Freunde, die über Religion diskutieren. Der eine ist tiefgläubig, der andere hat sich intensiv mit atheistischen Theorien und Religionskritik auseinandergesetzt. Sie werden einander in dieser Frage vermutlich nicht näherkommen, geschweige denn sich auf eine gemeinsame Position einigen. Aber sie können versuchen, zu verstehen, warum der Glaube für den einen so wichtig ist und welche Argumente den anderen zu seiner religionskritischen Haltung geführt haben. Wie funktioniert in diesem Fall verstehen? Nachfragen, die Argumente des anderen in eigenen Worten wiedergeben, zeigen, dass sie bereit sind, die Beweggründe des anderen zu sehen. Damit schaffen sie eine Basis. Und dann können sie konstruktiv kontern: fundiert und klar, ohne den anderen abzuwerten – weil ihnen ihre Freundschaft wichtig ist.
Nicht immer ist es uns jedoch wichtig, eine Verbindung zu unseren Gesprächspartner:innen herzustellen. Doch selbst in diesem Fall kann es sinnvoll sein, mit der Gegenrede abzuwarten.
Grenzen setzen und fragwürdigen Aussagen entgegentreten
Spricht jemand Dinge aus, die unseren Werten zutiefst entgegenstehen, wollen wir meist sofort kontern. Und häufig sind hier auch noch starke Emotionen im Spiel, die die Diskussion zusätzlich anheizen. Dann wollen wir oft gar nicht verstehen, wie das Gegenüber zu ihrem Urteil kommt; es fällt es uns noch schwerer, wirklich zu hören, was der oder die andere gesagt hat.
Um eine solche Diskussion nicht eskalieren zu lassen, ist es hilfreich, die beiden Positionen voneinander zu trennen. Und das funktioniert ebenfalls, indem man versucht zu erkennen, wo sich die Annahmen des Gegenübers herleiten, auch wenn es schwer fällt. Denn wer wertfrei wiederholen kann, was er oder sie vom anderen gehört hat, gewinnt nicht nur Zeit. Es bringt auch Ruhe in die Diskussion, das eigene Argument erhält sogar mehr Gewicht und die Chance, dass das Gegenüber nicht auf rein emotionaler Ebene reagiert, erhöht sich. Zugleich sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation. Die eigene Meinung bleibt trotzdem klar.
Fazit: In beiden Fällen wird die Kommunikation konstruktiver verlaufen. Selbst wenn ich das Gespräch abbreche, kann ich das im Anschluss an das Gehörte tun, mit einer klaren, fundierten und davon abgegrenzten eigenen Position, ohne untergriffig oder emotional zu werden. Damit wird klar: „Ich habe dir zugehört. Ich habe verstanden, was du gesagt hast. Ich kann nachvollziehen, wie du zu der Einschätzung kommst. Und trotzdem habe ich eine andere Position.“
Zuhören und verstehen sind keine Zauberformeln, auch wenn das manchmal in Kommunikationstraining behauptet wird. Sie schaffen aber eine gute Grundlage für Gespräche, auch für konfliktreiche, weil Meinungen nicht emotional unterfüttert werden, sondern jede:r auf dem Weg des Verstehens die eigene Ratio einsetzt – um zumindest ein Denkmuster nachzuvollziehen, auch wenn man die Schlussfolgerung nicht teilt. Im Idealfall lernen alle Gesprächspartner:innen dazu. Klar ist dennoch: Zur Kommunikation gehören mindestens zwei.


