Heute vor zwei Jahren starb der österreichische Schriftsteller Alfred Komarek – mein Mentor.

Ich muss etwa 18 Jahre alt gewesen sein und in meiner Schreibtischlade lag eine dicke Mappe mit selbst verfassten Gedichten und kurzen Texten. Weltschmerz, Liebeskummer und Umweltzerstörung war ich seit meinem 14. Lebensjahr mit Schreiben begegnet. Doch taugten die Texte etwas?
Da meinte meine Mutter, „der Komarek“ wäre bereit, sie einmal anzusehen. „Der Komarek“, das war für mich ein Mann, immer im Anzug, stets gut riechend und seltsam distanziert, der öfter bei uns vorbeischaute und kuriose Geschichten erzählte. Tatsächlich verband ihn fast von Jugendzeit an eine enge Freundschaft mit meiner im gleichen Jahr und Monat geborenen Mutter, Eva Kellner, die als Grafikerin auch fast alle seine Bücher illustrierte. Trotz dieser Nähe hieß er bei uns daheim immer nur „der Komarek“.
Feedback „vom Komarek“
Ich übergab ihm meine heilige, mit einem martialischen Lederband zusammengehaltene Mappe und zwei Wochen später bekam ich sie mit kurzen Bewertungen wieder. Neben Noten von 1 bis 10 war jeder der über 60 Texte mit ein oder zwei persönlichen Sätzen versehen, manche lobend, andere (zu recht) dezent vernichtend, fast alle mit kleinen Verbesserungsvorschlägen. Ich konnte das Feedback gut nachvollziehen und annehmen. Das Bemerkenswerteste allerdings war ein Satz, den er den Bewertungen vorangestellt hatte: „Ich muss nicht recht haben.“ Diese paar Wörter des „Melodie Exklusiv“-Texters, des Reise-Schriftstellers und Autors, des großen Alfred Komarek, haben sich mir tief eingeprägt. Ich selbst musste später noch oft Schriftstücke beurteilen – als Texttrainer, als FH-Lektor, als Schreibcoach. Und diesen Satz fühle ich bis heute und ich stelle ihn selbst gerne einer Beurteilung voran, er hilft dem Bewerteten genauso wie jenem, der bewertet.
![]()
Der Satz ist so typisch für Alfred Komarek, weil er ein durch und durch bescheidener Mensch war. Im Rampenlicht fühlte er sich nicht wohl und Erfolg betrachtete er zwar als befriedigend und hilfreich, aber nicht als selbstverständlich.
Die freundschaftliche und berufliche Verbindung brachte es mit sich, dass alle seine Neuerscheinungen, noch ehe sie die Buchhandlungen erreichten, bei uns am Esstisch lagen. Bevor ich mich an diesen Text machte, habe ich mir überlegt, von welcher Autorin oder welchem Autor ich zehn oder mehr Bücher gelesen habe. Es sind nicht viele. Der tschuktschischen Schriftstellers Juri Rytchëu hat es mir als junger Ethnologie-Student angetan. Von JK Rowling habe ich auch nach der Harry-Potter-Reihe nichts ausgelassen. Und der amerikanische Psychotherapeut Irving Yalom nimmt bei uns gut einen halben Meter Regalfläche ein. Und Alfred Komarek natürlich. Das gehörte sich so. Manche seiner Werke fand ich großartig, oft die kleinen poetischen wie „Otto, der Weihnachtsrabe“, einige okay und ein paar haben mir inhaltlich wenig gegeben.
Diese ganz eigene Sprache
Aber immer war da diese eigentümliche Sprache, die ich ja auch gesprochen so gut kannte und beim Lesen im Ohr hatte. Alfred Komarek nutzte viel mehr Adjektive und Adverbien, als wir Schreibtrainer:innen empfehlen. Aber bei ihm war es eben nicht Trägheit, sondern die Lust an überraschenden Kombinationen und ausgleichenden Begegnungen von Wörtern. Immer modulierten die Eigenschaftswörter die Hauptwörter und kreierten damit etwas Neues – irritierend, aufweckend, witzig.
In dieser feinen, nuancierten und nie vorhersehbaren Sprache beschrieb er Menschen und Orte. Und da am liebsten die verschrobenen, wie er sie in seiner Wahlheimat, dem Weinviertel, fand, und nicht die, die sich anbieten und anbiedern. Komarek mochte Menschen, er sammelte ihre Geschichten und erzählte sie gerne weiter – versöhnlich, liebevoll und ganz und gar uneitel.
Die Ehre, Komareks Texte lesen zu dürfen
Im Herbst 2022 bat mich der schon sehr kranke Komarek, für ihn einzuspringen und seine Texte im Rahmen einer ausgebuchten Veranstaltung des unermüdlichen Kulturvereins Transdanubien zu lesen. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern: Klar war ich aufgeregt, aber ich wusste auch, das fühlt sich jetzt sehr richtig an.
Die Mappe mit den Texten und Kommentaren habe ich natürlich immer noch. Außerdem eine alte Erika-Schreibmaschine, die einst „dem Komarek“ gehörte. Ich habe sie noch nie benutzt, aber ich hüte sie und freue mich, dass ich mit ihr unter einem Dach wohnen darf. Alfred Komarek ist am 27. Jänner 2024 gestorben, aber nur weil ich ihn schon länger nicht gesehen oder gehört habe, ist er in mir noch lange nicht tot.


