Gute Jazz-Musiker und -musikerinnen können nicht nur improvisieren, sondern müssen auch miteinander kommunizieren. Aber im Grunde ist das eine vom anderen nicht zu trennen.
11. März 2025, im Wiener Jazz-Club Porgy & Bess: Alegre Corrêa, Idol meiner Jugendtage, improvisiert mit Größen wie Thomas Gansch und Gerald Preinfalk um die Wette. Ich erinnere mich besonders an eine Call-and-Response-Passage zwischen dem Klarinettisten und dem Bläser, in der sich die beiden Musiker gegenseitig hochlizitieren. Während einer spielt, sieht ihm das Gegenüber begeistert zu, lacht bei jeder gekonnten Wendung, der Körper wippt und schwingt mit der Musik des anderen mit; und je schräger, schneller und schmissiger der eine spielt, umso glücklicher grinst der andere und kontert – darauf aufbauend – mit einer ebenso intuitiven, improvisierten Antwort.
Was hier gespielt wird, ist nicht einfach Improvisation. Es ist Kommunikation. Treffender als mit Call and Response könnte man die oben gespielte Technik wohl nicht benennen. Und doch ist es mehr, nicht einfach Ruf und Antwort, sondern Austausch, Lust am gemeinsamen Tun, eine Sache gemeinsam weiterentwickeln, ohne selbst alles kontrollieren zu müssen. Im Gegenteil: Die Musiker lassen einander frei, zugleich stellen sie sich aufeinander ein; sie bleiben ganz bei sich, finden sich so in der Musik, im Puls, in der Tonart, und schaffen im Moment ein gemeinsames Stück. Das begeistert nicht nur, weil die Musiker Meister ihres Fachs sind, sondern auch, weil es authentisch ist.
Gemeinsames zu improvisieren bedeutet konstruktiv zu kommunizieren
Improvisation und (konstruktive) Kommunikation hängen zusammen. Immer schon. Wer ehrlich und authentisch im Wortsinn kommuniziert[1], ist daran interessiert, was vom Gegenüber kommt. Er oder sie muss, wie Preinfalk und Gansch auf der Bühne, dem anderen zuhören, um reagieren zu können, beherrscht Techniken, um die Antwort so zu gestalten, dass das Gegenüber sie verstehen, aufnehmen und wieder darauf reagieren kann, findet Gefallen daran, gemeinsam etwas Neues auf der Basis dieses Austausches entstehen zu lassen. Wenn das gelingt, bereichert die Kommunikationserfahrung alle Beteiligten. Sie gehen mit der Erfahrung, mit Neuem in Kontakt gekommen zu sein, nach Hause.
Von der Improvisation in der Musik lässt sich lernen. Denn damit Kommunikation funktioniert, braucht es zuallererst Verbindung zwischen den Beteiligten. In der Musik ist es der gemeinsame Puls: Selbst wenn verschiedene Taktarten gespielt werden, bleibt die Verbindung über dem gemeinsamen Beat bzw. Puls erhalten. Hier besteht Verbindung, auch wenn einmal eine überraschende Antwort kommt.
Übertragen bedeutet das nichts anderes als die schon von Marshall Rosenberg gepredigte Devise Connect before you react: Finde Verbindung zum Gegenüber, bevor du antwortest.
Von Musikern lernen
Ein erster Schritt besteht darin, Menschen in der Kommunikation als gleichwertig und gleichberechtigt anzusehen, auch wenn sie unterschiedliche Meinungen haben. Sie zu hören, um dann zu erkennen, ob es in übertragenem Sinne so etwas wie einen gemeinsamen Puls geben kann. Das bedeutet, vielleicht in einem zweiten Schritt aktiv nach Verbindung und Gemeinsamkeiten zu suchen, bevor man entscheidet, ob und wie die Kommunikation fortgeführt werden soll.
Der Weg dorthin geht sich allerdings nicht von selbst. Er erfordert Arbeit und Übung. Aber wie viele Stunden haben Musiker wie Alegre Corrêa, Thomas Gansch oder Gerald Preinfalk mit Üben verbracht? Wie viel haben sie an sich gearbeitet, bis sie so frei und auf Augenhöhe mit anderen musizieren konnten? Eben! Sicher ist: Der Aufwand lohnt sich. Denn das Ergebnis bereichert nicht nur die Beteiligten, sondern auch das Publikum – im Fall der Kommunikation wäre das das gesamte Umfeld.
Let’s improvise and communicate!
[1] Wenn wir von kommunizieren sprechen, meinen wir damit den Austausch von Information, das Schaffen von mehr Wissen auf beiden Seiten, nicht das in institutionellem Kontext oft missverständlich verwendete „jemandem etwas kommunizieren“, das nicht dialogisch, sondern monologisch ausgerichtet ist.
Wir bieten mit unserem Angebot zu „Improkommunikation“ eine Kombination aus Kommunikationstraining und Improvisationsübungen an.


