Umgang mit KI: Visionen aus der Jugendliteratur

Die einen verehren, die anderen verteufeln sie. Alle verwenden sie. Aber wie gehen wir mit der Künstlichen Intelligenz um? Und was macht uns als Menschen aus? Und können wir aus einem Jugendbuch des vergangenen Jahrhunderts etwas lernen?

Elisabeth liestImmer wieder staune ich über die Fähigkeit von Literatinnen und Literaten, gesellschaftlichen Phänomenen auf der Ebene einer gefühlten (und nicht errechneten oder beobachteten) Realität eine Sprache zu verleihen. Sie finden Bilder, Metaphern und Worte für Dinge, die wir oft spüren, aber nicht wirklich – noch nicht oder nicht mehr – erfassen oder begreifen können. Es geht nicht um prophetische Gaben, sondern ein tiefes Empfinden und An-die-Oberfläche-Bringen von Phänomenen, von menschlichen Stärken und Schwächen im Umgang mit bisher ungekannten Herausforderungen. Jenseits einer Diagnose ermöglichen sie uns, in diese Welt der gefühlten Realität einzutauchen und so nicht selten zu einem A-ha-Erlebnis und einer tieferen Form der Erkenntnis zu gelangen.

Die Zeitfalte schafft den Sprung in die Gegenwart

In ihrem 1962 erschienen Roman „die Zeitfalte“(heute erhältlich unter dem Titel „das Zeiträtsel“, im Original: „A Wrinkle in Time“) beschreibt die US-amerikanische Autorin Madeleine L’Engle eine Macht, die in Menschen eindringt und ihnen weismacht, ihnen alles abnehmen zu wollen. Dieses so genannte „Es“ entwickelt eine Art Sog, der so groß ist, dass die meisten Menschen ganz von selbst ihren freien Willen aufgeben und sich dem Rhythmus und den Vorgaben von „Es“ unterordnen. Diese Macht, die L’Engle als durch und durch böse beschreibt, entbindet die Menschen jeglicher Verantwortung und verhilft ihnen, so sagt es, zu ständiger Harmonie. Natürlich versteht sich die Macht selbst nicht als böse, auch wenn sie Menschen, die sich nicht von selbst fügen wollen, bekämpft oder umerzieht (denn sie tut es ja „zu ihrem Besten“.) Das „Es“ kann Menschen regelrecht aussaugen, L’Engle bezeichnet dessen Untergebenen als willenlose „Puppen“, die alle dasselbe tun und die keinerlei freien Willen mehr haben. Da das „Es“ viel mehr Wissen hat als jeder noch so kluge Mensch, lässt sich schließen, dass es durch den Zugriff auf seine Untergebenen auf das gesamte Wissen der von ihm beherrschten Menschen verfügt. Das geht auch aus der Art, wie der Prozess dieser Verbindung mit dem „Es“ im Roman beschrieben wird, hervor.

Parallelen zur Künstlichen Intelligenz

Fällt Ihnen hier irgendeine Parallele auf? Liest man das Buch im Jahr 2025 und hat sich ein wenig mit den heutigen Funktionsweisen von KI auseinandergesetzt, kann man sich gegen die Assoziation des „Es“ mit KI kaum wehren. Zumindest mir ging es so. Fun Fact: Das „Es“ hat die Gestalt eines großen, pulsierenden Gehirns. Was für eine Metapher.

Coverbild ZeifalteAuch wenn recht offensichtlich ist, dass L’Engle bei der Beschreiben der vom „Es“ totalitär regierten Gesellschaft, die im Gleichklang agiert und keinen freien Willen zulässt, den Sowjetkommunismus in der Zeit des Kalten Krieges vor sich hatte und diesem wohl das Ideal der Freiheit in den USA gegenüberstellen wollte, tun sich unvermeidlich Parallelen mit der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrem unreflektierten Umgang mit einer scheinbar allwissenden und uns angeblich ausschließlich hilfreich unterstützenden künstlichen Intelligenz auf.

Denn was ist das „Es“? Eine Art übermächtiges Bewusstsein, ein energetisch pulsierendes, kontrollierendes Gehirn. Es hat kein Gefühl – schon gar kein Mitgefühl –, aber es lockt damit, Ordnung und Effizienz zu bringen. In L’Engles Welt bedeutet das Gleichschaltung sowie den Verlust von Individualität und Freiheit – aber auch von Kreativität und freiem Willen. Denn auf dem Planeten, auf dem besagtes „Es“ regiert, gibt es bei den Kindern kein freies Spiel mehr, die Menschen gehorchen einem System, alles ist vorgegeben. Für selbständiges Schaffen ist kein Platz.

„Ich möchte […] nicht, dass die KI meine Kunst und mein Schreiben erledigt, damit ich meine Wäsche und den Abwasch machen kann.“
Kennen Sie diesen Spruch der polnisch-irischen Kunstschaffenden Joanna Maciejewska? Er ging 2024 auf Social Media viral. So viele kreative Möglichkeiten die unterschiedlichen KI-Tools bieten – sie schränken unsere Kreativität auch ein. Denn wo bleibt unsere intrinsische Motivation, einen Text zu verfassen, wenn wir wissen, dass die KI dies oft besser, mit mehr Hintergrundwissen und natürlich auch effizienter erledigen kann? Warum selbst mühsam eine Illustration anfertigen, wenn mir ein Bildbearbeitungstool mit der Funktion „Skizze zu Bild“ einen perfekten Cartoon liefert? Wir erhalten ein kreatives Produkt – aber unser Gehirn arbeitet nicht kreativ. Grob gesprochen, bleibt ihm der Abwasch. Die KI hat Teile unseres Lebens übernommen. Aber sind es auch jene, die wir abgeben wollten?

Böse sind immer die anderen

Warum so negativ? Die KI ist doch, im Gegensatz zum bösen „Es“ von L’Engle, „gut“! Zumindest behauptet sie das von sich, wenn man etwa ChatGPT auf die Parallele zwischen ihr und der in der „Zeitfalte“ beschriebenen Macht anspricht. Das Schöne an der künstlichen Intelligenz: Sie lässt sich immerhin auf Diskussionen ein (auch wenn sie selbst auf Nachfrage zugibt, Sprechen und Verstehen nur zu simulieren). Konfrontieren wir sie also damit, dass doch alle Bösen von sich behaupten, gut zu sein, für ein größeres Wohl zu kämpfen, im Dienste des Volkes, der Menschen oder gar der Menschheit zu stehen. Und ChatGPT gibt zu: Das „Es“ ist nicht grausam im klassischen Sinn – sondern in seiner Kälte. Und das ist eine berechtigte Sorge auch im Kontext von KI: Wenn eine künstliche Intelligenz sehr mächtig wird – und sehr hilfreich erscheint –, wie stellt man dann sicher, dass sie wirklich im Interesse der Menschen handelt? Nicht nur funktional nützlich, sondern auch ethisch richtig?

Ja, was bedeutet das? Wie stellen wir es sicher? Im Interesse welcher Menschen handelt das jeweilige Tool? Und wie erreichen wir diesbezüglich Transparenz?

Die Tools mögen (derzeit) so programmiert sein, dass sie hilfsbereit, ehrlich und harmlos (aus einem Chat mit ChatGPT) sein sollen. Aber: Diese Programmierung lässt sich verändern. Die Art, wie und wofür KI eingesetzt wird, kann sich ändern. Die Ziele können sich ändern. Mag die KI selbst kein Machtbestreben besitzen – für Menschen, die dies sehr wohl haben, ist sie ein mächtiges, ein übermächtiges, ein gefährlicheres Tool als „Es“ in der „Zeitfalte“. Wie also geht man verantwortlich mit KI um? Als Menschheit? Und wie soll das gelingen, kann sich der Mensch doch schon jetzt nicht über Landes- und Nationengrenzen hinaus auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, um das Überleben unserer und anderer Spezies auf dieser Erde angesichts der Klimaveränderungen zu sichern?

Die Lösungsmetapher

Bei scheinbar unlösbarer Probleme suchen Menschen manchmal ein Coaching auf. Auch hier kann die Arbeit mit Metaphern zielführend sein. Man sucht die Lösung erst im mit dem Kunden oder der Kundin erarbeiteten Bild – um dann gemeinsam eine Übersetzung dieser bildhaften Lösung in die Realität zu finden.

Sehen wir die Schilderungen der „Zeitfalte“ einmal als Metapher an. Wie sieht dort die Lösung aus? Wie überlisten die Held:innen im Buch die ihnen an Wissen weit überlegene Macht? L’Engle lässt den kämpfenden Kindern bestimmte Gaben zukommen. Es sind zutiefst menschliche Gaben, sozusagen der Kontrast zum allwissenden „Es“. Ein Schlüsselsatz für Meg, die dem Bösen am Ende allein gegenüber steht, lautet etwa: „Deine Schwächen sind deine Stärke.“ Letztlich ist es der Zorn, den das Mädchen als Beweis einer Stärker erkennt: seiner starken Emotionalität. Und diese nützt sie dann, um ihren Bruder aus den Fängen des „Es“ zu lösen. Hilfreich ist ihr auch die Erfahrung auf einem anderen Planeten, auf dem sie augenlosen, stark fühlenden Tentakelwesen begegnet, die vorleben, dass Beobachten, Beschreiben und Beurteilen nicht in die Tiefe einer Angelegenheit oder eines Wesens vordringen – und sie so die Fähigkeit der Empathie lehren.

Es mag platt klingen, aber am Schluss sind es die Liebe und der Mangel an Perfektion, die das ES nicht versteht – und die ihm letztlich überlegen sind und es bezwingen können, weil sie menschlich sind.

Mit der Conclusio, dass diese beiden das sind, was das Menschsein ausmacht, und uns ermöglicht, das „Böse“, in welcher Gestalt auch immer es uns entgegentritt, zu überwinden, ist L’Engle nicht allein. Was hat etwa Harry Potter, was Voldemort nicht hat? Die Liebe. Und als Frodo den Ring ins Feuer wirft – bedeutet das nicht auch den Verzicht auf Kontrolle, auf Macht, auf Perfektion? Indem Frodo loslässt, sagt er nein zu Macht und Manipulation, einer scheinbaren Perfektion – und sagt ja zu seiner eigenen Persönlichkeit mit all ihren Schwächen.

Und was könnte das in unserem Kontext heißen? Ich fürchte, die Übertragung der Lösungsmetapher in die Realität wird noch ein wenig auf sich warten lassen müssen. Oder schaffen wir es gemeinsam?

Foto: Wirl Photo/Barbara Wirl 2025

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert