Arbeitspaar und Zweierteam: blinde Flecken der Arbeitswelt

Arbeitspaare, Zweierteams oder Tandems sind jenseits der Privatbeziehungen ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Vier Monate nach Erscheinen unseres Buches „Zweierteams“ können wir ein erstes Resümee ziehen und drei Thesen aufstellen, warum das so ist.

Zweeirteam, Arbeitspaar, Tandem: Welcher Begriff passt?Der kaufmännische und der technische Direktor eines großen Unternehmens, das Polizeiduo, das regelmäßig gemeinsam auf Streife geht, die Sportlerinnen, die Sportarten wie Bob, Paar-Eiskunstlauf oder Beach-Volleyball betreiben – drei Beispiele für professionelle Zweierkonstellationen. Es gäbe viele, viele mehr. Tatsächlich ist sie ein weit verbreitetes Modell – historisch wie gegenwärtig. Und doch kommt das Zweierteam im öffentlichen Diskurs kaum vor.

Wir merken an den immer gleichen Reaktionen auf unser Buch, dass sich die Aufmerksamkeit auf zwei Modelle beschränkt: zuerst auf die private Zweierbeziehung und dann, schon deutlich seltener, auf eine spezifische Form von Jobsharing, bei der zwei Menschen in Teilzeit einen Vollzeitjob erledigen. Alles andere unterschreitet die öffentliche Wahrnehmungsgrenze. Das ist schade, weil die Arbeit im Duo allerorts vorkommt, und sei es nur auf Zeit oder auf Projektbasis, und weil die Chancen und auch die Fallen viel zu wenig Beachtung finden.

Uns ist dieser seltsame blinde Fleck schon bei der Auswahl des Buchtitels aufgefallen: Es fehlt der eine klare und verbreitete Begriff, der bezeichnet, wenn zwei Menschen beruflich eng zusammenarbeiten. Arbeitspaar? Tandem? Jobsharing? Jeder dieser Begriffe führt gedanklich in die Irre oder anderswo hin.

Woran liegt es, dass Zweierteams so wenig mitgedacht werden?
  • These 1: Wir sind als Gesellschaft stark auf das Individuum fokussiert. Es muss doch die eine Person geben, die das Sagen hat oder die Ansprechpartner:in ist. Jede Musikband hat ihren Frontman, ihre Frontfrau. Ist das nicht so klar, beginnen die Diskussionen: Paul McCartney oder John Lennon? Art Garfunkel oder Paul Simon?
    Das ist übrigens der Grund, warum wir den Begriff Tandem nicht sonderlich mögen, bei dieser Form des Fahrrades strampeln zwar beide mit, aber es lenkt doch wieder eine Person! Dabei wird Wesentliches übersehen: Führung lässt sich teilen.
  • These 2: Wir romantisieren gerne. Zwei Menschen, gar Mann und Frau? Alles klar, ein Liebespaar. Stimmt halt oft nicht, aber egal, wir haben unsere Schubladen. Leider führt dieses Schubladendenken dazu, dass viele Menschen beim Begriff Arbeitspaare an private Paare denken, die auch gemeinsam arbeiten. Das gibt es zwar, wir sind so ein Beispiel, die private Beziehung ist aber, nach unserer Erfahrung und auch jener unserer Interview-Partner:innen, für die gemeinsame Arbeit gar nicht so relevant.
  • These 3: Für viele bedeutet geteilte Arbeit Teilzeit-Arbeit. Schubladen-Alarm! Und an vielen Stellen findet man die Definition, Jobsharing bedeute, eine Vollzeitstelle mit zwei Personen zu besetzen. Tatsächlich hat die Wissenschaft dazu eine andere Meinung und auch unsere 12 interviewten Paare arbeiten alle in Summe deutlich mehr als 40 Stunden. Jobsharing ist nicht unbedingt ein Arbeitszeitmodell, sondern ein Arbeitsmodell: zwei Menschen erledigen gemeinsam eine Tätigkeit, unabhängig vom Stundenausmaß. Das ist keine Notlösung, bei der zwei Menschen einen 40-Stunden-Job bewältigen, es ist eine Möglichkeit, bereichernde Synergie und höhere Resilienz zu schaffen.
Arbeitspaare – Teams mit einer etwas anderen Logik
Freude zu zweit: eine Werbung des KHM in Wien, Danke Huberta Weigel für das Bild.
So hätte unser Buch natürlich auch heißen können. Eine Werbung des KHM in Wien.

Wir haben uns bei der Titelwahl für den Begriff Zweierteams entschieden, weil eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam eine Aufgabe erledigen, damit gemeinsame Ziele verfolgen und eine bestimmte Identität entwickeln, ein Team sind – auch wenn es nur aus zwei Personen besteht. Das Wort Team, das ja in der Arbeitswelt allgegenwärtig ist, suggeriert aber etwas ganz anderes, als ein Zweierteam verkörpert. Viele denken dabei an Teamführung, Teamentwicklung oder Teamstrukturen, da passt ein Zweierteam nicht so recht hinein, also wird es einfach vergessen. Schade. Denn auch Zweierteams brauchen Begleitung – und Raum, um sich zu entwickeln.

Deswegen haben wir unser Buch geschrieben. Nun ist es seit Herbst am Markt, da fragt man sich als Autor:innen natürlich irgendwann, ob man alles wieder genauso machen würde. Bekäme unser Buch noch einmal denselben Titel? Vielleicht nicht, aber wir würden wieder „Zweierteams“ als zentralen Begriff für die Konstellation des professionellen Arbeitspaares wählen. Er ist neutral und suggeriert weder das private Paar noch ein eingeschränktes Jobsharing-Modell. Als Phänomen ist das Zweierteam zwar nicht im Diskurs, aber in der Praxis weit verbreitet und die Gesellschaft entwickelt sich in eine Richtung, in der es dieses agile Modell mehr denn je braucht.
Wir sind gerne Pionier:innen.

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